Systemplastie – ein schonendes Operationsverfahren für die Wirbelsäule

Der renommierte Berliner Professor und Wirbelsäulenchirurg Wolfgang Ertel, Direktor der Klinik für Orthopädische, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie an der Charité, Campus Benjamin Franklin, berichtet über die Systemplastie, ein schonendes, minimal-invasives und variables Operationsverfahren an der Wirbelsäule.

Osteoporose spielt für Orthopäden und Unfallchirurgen eine immer größere Rolle. Einerseits führt die Osteoporose zu einer stark steigenden Anzahl von Sinterungsfrakturen der Wirbelsäule, die auf Grund der massiven Schmerzen operativ versorgt werden müssen. Andererseits kämpfen Ärzte in der degenerativen Wirbelsäulenchirurgie, insbesondere beim Patienten mit osteoporotischem Knochen, mit reduzierten Verankerungsmöglichkeiten von Pedikelschrauben im Wirbelkörper. Dies trifft im Besonderen für die Implantation von Pedikelschrauben im Os sacrum bei L5/S1 Fusionen zu. Die Folge hieraus ist eine relativ hohe Inzidenz von „non-fusions“.

Professor Ertel, was ist die Systemplastie?

Prof. Ertel: Die Systemplastie ist ein neues Behandlungskonzept, das Stabilisierungssysteme unterschiedlicher Technologien in idealer Weise miteinander verbindet und somit hoch variabel jede Wirbelsäulenpathologie des osteoporotischen Knochens effizient behandelbar macht. Zur Systemplastie gehören der neue hochvisköse PMMA-Zement mit seinen phantastischen Fließeigenschaften, ein hydraulisches Applikationssystem zur Injektion des Zementes in den Wirbelkörper und der minimal-invasiv implantierbare Fixateur interne zur Reduktion des Weichteiltraumas. Alle drei Technologien können entsprechend der vorliegenden Pathologie variabel miteinander verbunden werden.

Bei welchen Indikationen wird die Systemplastie eingesetzt?

Prof. Ertel: Die flexiblen und kombinierbaren Anwendungen der Systemplastie können vor allem bei osteoporotischen spontanen Sinterungsfrakturen (auch multi-level), der traumatisch bedingten Wirbelkörperfraktur bei osteoporotischem Knochen und bei langstreckigen Fusionen bei Patienten mit Osteoporose angewendet werden. Durch die minimal-invasiven Techniken hat die Systemplastie vor allem bei Patienten mit hohem operativen Risiko große Vorteile.

Die Systemplastie ist ein Behandlungsverfahren, bei dem der Operateur entscheiden kann, welche der verfügbaren Methoden angewendet wird oder welche Techniken er miteinander kombiniert. Bei welchen Standard-Operationen setzen Sie die Systemplastie ein?

Prof. Ertel: Diese Frage ist nicht in ein oder zwei Sätzen zu beantworten. Sehen Sie sich das Indikationsspektrum an. Jeder Patient, der eine der genannten Indikationen erfüllt, ist auf Grund der Lokalisation der Pathologie (LWS versus BWS, obere versus untere LWS, etc.), seiner Nebenerkrankungen, seines Aktivitätslevels, seiner Knochenqualität, etc. unterschiedlich. Dies heißt, dass für jeden einzelnen Patienten, abhängig von den genannten Faktoren, ein individuelles Versorgungskonzept ausgearbeitet werden muss. Gerade hier sehe ich den größten Vorteil der Systemplastie, weil sie nicht nur präoperativ viele Versorgungsmöglichkeiten bereitstellt, sondern ggf. intraoperativ, wenn notwendig, zusätzliche Optionen eröffnet.

Welche Vorteile im Einsatz der Systemplastie erachten Sie als sehr wichtig?

Prof. Ertel: Den größten Vorteil der Systemplastie sehe ich in der Kombinierbarkeit der unterschiedlichen Technologien und in der Tatsache, dass diese minimal-invasiv einsetzbar sind.

Die Systemplastie beinhaltet revolutionäre Technologien wie einen hochviskösen Knochenzement und ein hydraulisches Applikationssystem kombiniert mit einem minimal-invasiven Fixateur interne. Wie beurteilen Sie in der klinischen Anwendung die Systemplastie?

Prof. Ertel: Die Systemplastie gestattet uns eine flexible und höchst individuell angelegte Versorgungsstrategie, wie sie bisher noch nicht durchführbar war. Außerdem erlaubt sie durch ihre unterschiedlichen Komponenten bei Auftreten von unerwarteten intraoperativen Problemen das schnelle "Umschalten" auf ein neues Konzept. Hierdurch wird das Problem effizient und sicher gelöst.

Welche signifikanten Vorteile zu den Standard-Operationsmethoden sind festzustellen?

Prof. Ertel: Die Systemplastie hat bei osteoporotischen Sinterungsfrakturen der Wirbelsäule die bisher angewendeten Standardverfahren sowohl durch die Möglichkeit eines individuell ausgewählten Versorgungskonzeptes (Vertebroplastie versus Kyphoplastie mit Meshbeutel versus additiver MIS-Fixateur interne) als auch durch die Verwendung des hoch viskösen Knochenzementes eindeutig verfeinert und optimiert. Gleichzeitig werden intraoperative Komplikationen wie der Austritt von Zement oder pulmonale Probleme reduziert. Außerdem kann durch die Kombination von dem neuen PMMA-Zement, hydraulischem Applikationssystem und dem Meshbeutel die Verzahnung des Zements mit den Trabekeln deutlich erhöht werden und bei präoperativer effizienter Reposition das sagittale Profil wiederhergestellt werden.

Welche Vorteile hat das Mesh-System gegenüber der Standard-Kyphoplastie?

Prof. Ertel: Der hochvisköse PMMA-Knochenzement kann mit einem Kontainernetz (ein sogenannter "Meshbeutel") kombiniert werden. Dieser wird vor der Zementapplikation im Wirbelkörper positioniert und nach Einbringen des Zementes vor dessen Aushärtung zuverlässig entfernt. Der Meshbeutel ist ein zusätzliches Tool der Systemplastie. Er ermöglicht eine kontrollierte Injektion des hochviskösen Zementes in einen Beutel, der infolgedessen aufgedehnt wird. Hierdurch kann bei optimaler Platzierung des Beutels im Zentrum des Wirbelkörpers mit einem höheren Druck eine größere Menge Knochenzement injiziert werden. Dies unterstützt die geschlossene präoperative Reposition, die Aufrichtung des Wirbelkörpers und damit das sagittale Profil werden verbessert und die Kompaktheit des Zementes erhöht.

Wie viele Wirbelkörper können mit einer Zementportion augmentiert werden?

Prof. Ertel: Die Anzahl von Wirbelkörpern, die gleichzeitig mit einer Zementportion behandelt werden können, hat sich durch die lange Verarbeitungsviskosität von 8 bis 10 Minuten und die Möglichkeit einer monopedikulären Anwendung deutlich gesteigert. Drei bis 4 Wirbelkörper können bei monopedikulärer Anwendung und Setzen aller Yamshidikanülen vor der Zementierung mit einer Zementportion erfolgreich augmentiert werden.

Welche Erfahrungen haben Sie mit der Systemplastie bisher gemacht?

Prof. Ertel: Durch die Verwendung der neuen Technologien und ihrer Kombinierbarkeit haben wir bei Problemfrakturen eine niedrigere Anzahl von Komplikationen und eine höhere Patientenzufriedenheit gesehen. Dies betrifft einerseits eine niedrigere Inzidenz von Zementaustritten bei gleichzeitig höherem Injektionsvolumen. Weiterhin konnte die sekundäre Dislokation von Hinterkantenfragmenten in Richtung Spinalkanal bei fehlinterpretierten instabilen Wirbelkörperfrakturen durch die gleichzeitige Verwendung des minimal-invasiven Fixateur interne verhindert werden. Die verbesserte Aufrichtung frakturierter Wirbelkörper mit Wiederherstellung des sagittalen Profils durch eine kompaktere Applikation des Zementes führte zu guten klinischen Ergebnissen mit hoher Patientenzufriedenheit.

Wir bedanken uns für dieses Gespräch.

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Prof. Dr. Wolfgang ErtelProf. Dr. med. Wolfgang Ertel

Direktor der Klinik für Orthopädische, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie und Leiter der Sektion Wirbelsäulenchirurgie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin.

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