Wann sollte eine Bandscheibenprothese eingesetzt werden?

Professor Ertel, Bandscheibenprothesen werden jüngst bei einer steigenden Anzahl von Patienten eingesetzt. Ist die Prothese in den letzten Jahren ausreichend weiterentwickelt worden, so dass deren Einsatz gerechtfertigt ist?

Prof. Ertel: Es wurden in den letzten 10 Jahren im Bereich der Bandscheibe sowohl für die Hals-, als auch für die Lendenwirbelsäule eine Vielzahl unterschiedlicher Implantate entwickelt. Einige dieser Implantate sind mittlerweile MRT-tauglich, so dass auch nach Einsetzen einer künstlichen Bandscheibe bei fortbestehenden Problemen eine Kernspintomografie durchgeführt werden kann. Desweiteren werden unterschiedliche Metallbeschichtungen und verschiedene Befestigungstechniken im Knochen verwendet.

Welcher Patient kommt für dieses Verfahren in Betracht?

Prof. Ertel: Leider stellen wir immer wieder fest, dass beim Aussuchen eines geeigneten Patienten nicht immer alle notwendigen Umstände berücksichtigt werden. Für eine perfekte Beratung eines Patienten werden konventionelle Röntgenbilder, Funktionsaufnahmen der Wirbelsäule und ein Schnittbildverfahren (Computertomografie oder Kernspintomografie (MRT)) oder im Idealfall beides zwingend benötigt.

Es kommen Patienten in Betracht, die eine schwere Abnutzung einer Bandscheibe im Halswirbel- oder Lendenwirbelsäulenbereich aufweisen. Das Alter spielt eine wichtige Rolle. Die Bandscheibenprothese sollte vor allem bei jüngeren Patienten < 60 Jahre eingesetzt werden. Weiterhin muss präzise analysiert werden, ob ein Wirbelkörpergleiten vorliegt. Patienten mit einem solchen Wirbelkörpergleiten sind für die Implantation einer Bandscheibenprothese nicht geeignet. Der größte Fehler wird aber häufig dadurch begangen, dass eine begleitende Abnutzung (Arthrose) der Zwischenwirbelgelenke nicht ausreichend analysiert wird. Die Bandscheibenprothese sollte nicht eingesetzt werden, wenn der Patient neben einer abgenutzten Bandscheibe auch Schäden an den Zwischenwirbelgelenken aufweist. Die Implantation einer Bandscheibenprothese bei diesen Patienten löst häufig nicht das Schmerzproblem.

Wie viele Patienten pro Jahr erhalten in Ihrer Klinik eine Bandscheibenprothese?

Prof. Ertel: Wir implantieren bei ca. 60 bis 70 Patienten pro Jahr eine Bandscheibenprothese, wobei diese Zahl sowohl die Hals- als auch die Lendenwirbelsäule umfassen. Nur in Ausnahmefällen gibt es Patienten, die zwei Prothesen erhalten. Die Implantation von mehreren Bandscheibenprothesen halten wir für nicht angebracht.

Stellt die Implantation der Prothese Routine dar?

Prof. Ertel: Die Zugänge zur Hals- bzw. Lendenwirbelsäule sind seit langem etabliert. Allerdings ist bei der unteren Lendenwirbelsäule zu beachten, dass die großen Blutgefässe direkt vor der Wirbelsäule liegen und bei der Operation sehr sorgfältig darauf geachtet werden muss, dass diese nicht verletzt werden. Sollte dies eintreten, ist der Patient in einer großen Klinik mit einer gefäßchirurgischen Abteilung sicherer aufgehoben.

Auch das Einbringen der Prothese erfordert operative Erfahrung. Die Bandscheibenprothese muss mittig zwischen den Wirbelkörpern platziert werden und darf nicht zu weit nach hinten in Richtung Rückenmark vorstehen, da sonst eine Einengung des Rückenmarkkanals entsteht.

Welche Komplikationen treten auf?

Prof. Ertel: Die schwerwiegendste Komplikation ist die Verletzung von wichtigen Strukturen, wie Gefäßen, Nerven oder des Harnleiters. Diese Komplikationen sind bei einem erfahrenen Operateur allerdings sehr selten.

Die Prothese kann falsch platziert werden oder sie spreizt den Zwischenwirbelraum zu viel oder zu wenig auf. In letzteren Fällen kommt es zu einer Fehlbelastung der Zwischenwirbelgelenke. Dies führt zu einer raschen Abnutzung dieser Gelenke mit neu auftretenden Rückenschmerzen.

Die häufigste Problematik stellt allerdings die Auswahl des falschen Patienten dar. Patienten mit weit fortgeschrittener Arthrose der Zwischenwirbelgelenke sollten keine Bandscheibenprothese erhalten, da sich die Rückenschmerzen nicht oder nur kurzfristig vermindern. In diesem Fall muss der Patient eine Versteifung der entsprechenden Wirbelsäulenabschnitte erhalten.

Wir bedanken uns für dieses Gespräch.

Prof. Dr. Wolfgang ErtelProf. Dr. med. Wolfgang Ertel

Direktor der Klinik für Orthopädische, Unfall- und Wiederherstellungschirurgie und Leiter der Sektion Wirbelsäulenchirurgie, Charité – Universitätsmedizin Berlin, Campus Benjamin Franklin.

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Spezial-Sprechstunde für Wirbelsäulenchirurgie
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